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Detmolder Bekenntnis

Das „Detmolder Bekenntnis“ -
ein Modell der Konfliktbewältigung

 

Zur Geschichte des Detmolder Bekenntnisses

 

Das „Detmolder Bekenntnis“ ist entstanden vor dem Hintergrund des Genozids 1994 in Ruanda. Im Jahr 1994 wurden in dem kleinen afrikanischen Land innerhalb von 100 Tagen etwa 1 Million Menschen (von damals 7,5 Mill. Einwohnern) auf grausame Weise umgebracht, hauptsächlich Angehörige der Volksgruppe der Tutsi, aber auch gemäßigte Hutu. Ihre Mörder waren Nachbarn, Bekannte und selbst Familienangehörige. Weitere Millionen Menschen flohen ins benachbarte Ausland. Die Weltöffentlichkeit sah diesem Völkermord weitgehend tatenlos zu.

 

Am Anfang stand ein Traum

 

Dr. Fulgence Rubayiza, ein ruandischer Arzt der zur Zeit des Genozids in Europa weilte möchte einen Weg der Versöhnung anstoßen Mit Hilfe der sich bildenden ökumenischen Ruanda-Arbeitsgruppe Detmold-Hidessen macht er ab Dezember 1994 Ruander beider Volksgruppen und unterschiedlicher Konfessionen im europäischen Exil ausfindig und lädt sie zum gemeinsamen Gespräch und Gebet ein in das Institut St. Bonifatius in Detmold. Das schien nach dem Genozid ein fast undenkbares Vorhaben, da selbst unter Christen ein großes Misstrauen herrschte.

Doch im Mai 1995 kommt es zu einem ersten Treffen von 14 Exil-Ruandern beider Ethnien und verschiedner Konfessionen, die ihre Angst und ihr Misstrauen überwinden. Das Treffen stößt einen Dialog an, der seinen ersten schriftlichen Ausdruck in einem Brief „An alle Ruander“ findet. Der Brief fordert dazu auf, Gott und einander um Vergebung zu bitten, Vergebung zu gewähren und auf Vergeltung zu verzichten. Der begonnene Dialog wird mit viel organisatorischer Unterstützung und spiritueller Begleitung durch die Arbeitsgruppe weitergeführt. (Anmerkung: schon im Vorfeld kam es in meiner Heimatgemeinde Dudweiler-Herrensohr zu einem Treffen von Exil-Ruandern mit dem Ziel, aufeinander zuzugehen und eine Erklärung im Geiste des „Detmolder Bekenntnisses“ herbeizuführen, angestoßen durch Pfr. Jörg Zimmermann und Pfr. Helmut Keiner.)

 

Das „Bekenntnis von Detmold“ 1996

 

Im Dezember 1996 kommt es zu einem zweiten Treffen im Institut St. Bonifazius mit 24 Teilnehmern, diesmal auch aus Ruanda und mit Beteiligung von Europäern, die in Ruanda gearbeitet hatten. Dieses Treffen ist geprägt von großer Offenheit und ermöglicht einen echten Dialog. Unter anderem nehmen der kath. Laientheologe Laurien Ntezimana und Modeste Mungwarareba, der damalige Sekretär der Kath. Ruandischen Bischofskonferenz, teil (Beide wurden 1998 mit dem Friedenspreis von Pax Christi international ausgezeichnet.)

 

Das Bekenntnis von Detmold entsteht – ein beeindruckendes Zeugnis der Bereitschaft zur Versöhnung. Hutu, Tutsi und Europäer benennen in je eigenen Schuldbekenntnissen die eigene Verstrickung in den Konflikt, bekennen voreinander diese Schuld und bitten einander um Vergebung. Die Teilnehmer handeln stellvertretend für alle Menschen in Ruanda und verstehen ihr Bekenntnis als einen Weg, der die Wunden der Menschen in Ruanda heilen und das Land wieder aufbauen kann. Sie verpflichten sich, im Sinne dieses Bekenntnisses zu leben und zu arbeiten.

 Nach Veröffentlichung des Textes verbreitet sich das „Detmolder Bekenntnis“ in Ruanda in Ruanda und unter den Exil-Ruandern in Europa rasch. Viele Reaktionen und Auseinandersetzungen folgen. Vielen Menschen geht der Text zu weit und es wird ihnen zu schnell von Versöhnung gesprochen.

 

Weiterarbeit im Geist des Bekenntnisses

 

Die Unterzeichner im Land und im Exil arbeiten im inne des Bekenntnisses weiter, z. B. durch Friedensseminare oder durch viele kleine Schritte in ihrer alltäglichen Arbeit. Nach dem Tod von Modeste Mungwarareba 1999 werden die Bemühungen in Ruanda vor allem von Laurien Ntezimana koordiniert. Nicholas Hitimana, ein weiterer Initiator des Bekenntnisses, kehrt 2001 mit seiner Familie nach Ruanda zurück und verbindet landwirtschaftliche Entwicklung und Friedensarbeit. Die Arbeit, insbesondere von Laurien, erregt politisch Anstoß und bleibt weiter gefährdet.

 

In der Vorbereitung der Ausstellung „Ruanda – zurück ins Leben“ der VHS Detmold im Juni 2005 wird deutlich, dass viele Unterzeichner in ihrem konkreten Umfeld weiterhin im Sinne des Bekenntnisses leben. Einige versammeln sich kurz entschlossen zur Ausstellungseröffnung. Durch einen dort verfassten Text wird eine neue Auseinandersetzung um das Bekenntnis angestoßen, die den Wunsch nach einem Treffen der Unterzeichner zur Evaluation im Jahr 2006, 10 Jahre nach der Veröffentlichung des Bekenntnisses zur Folge hat.

Dieses Treffen findet im Dezember 2006 in Kigali, Ruanda, statt. Im ersten Teil der Versammlung kommen Erstunterzeichner zusammen, um miteinander zu überlegen, welche Bedeutung das Bekenntnis für jeden einzelnen sowie für die Gruppe und das Land Ruanda aktuell noch hat. Im zweiten Treffen kommen weitere Personen hinzu, die sich dem Bekenntnis nach 1996 angeschlossen haben.

 

Die Zusammenkunft macht deutlich, dass der „Geist von Detmold“ noch lebt. Besonders beeindruckend ist eine Versammlung auf den Feldern einer Witwengenossenschaft, bei der ein Hutu aus dem besonders extremistischen Norden aus der Familie eines gefürchteten Politikers, der für Leid und Tod vieler Tutsi verantwortlich ist, unter Tränen vor den Witwen des Völkermordes niederkniet und sie um Vergebung bittet. Während bisher jeder Unterzeichner einzeln in seiner konkreten Arbeit im Sinne des Bekenntnisses arbeit, soll jetzt eine lokale Organisation gegründet werden. Doch dieser Plan ist bisher aus unterschiedlichen Gründen noch nicht realisiert.

 

Wege aus Verwundungen und Konflikten, Hass und Gewalt – Schritte aufeinander zu – orientiert an einem Versöhnungsprozess in Ruanda

 

Neben der organisatorischen und ideellen Unterstützung entwickelt sich für die Detmolder Arbeitsgruppe, angestoßen durch die Erfahrung der Ruander, ein zweiter Arbeitsschwerpunkt: das „Detmolder Bekenntnis“ als ein Modell der Konfliktbewältigung verstehen zu lernen.

Die Gruppe beginnt, die Impulse, die sie durch die Zusammenarbeit mit den Ruandern gewonnen hat, auch für die Lebensverhältnisse in Deutschland umzusetzen. Es wird eine Pantomime entwickelt zu den drei Schritten der Versöhnung: „Zwischen den Stühlen sitzen – Schritte aufeinander zu“.

 

Die Pantomime ist wesentlicher Bestandteil in Gottesdiensten zum Thema „Versöhnung“, bei Veranstaltungen und Workshops im Rahmen der Dekade zur Überwindung von Gewalt und in vielen Gruppen, mit denen zum Thema Versöhnung gearbeitet wird.

Was die Unterzeichner angestoßen haben, umschreiben sie selbst in drei wesentlichen Schritten, die auch in anderen persönlichen und gesellschaftlichen Konfliktsituationen Schritte aufeinander zu ermöglichen können.

 

Pantomime: Schritte aufeinander zu

 

„Wer kennt sie nicht, diese Erfahrung, dass sich zwischen zwei Menschen, zwischen Familien, zwischen Gruppen und Völkern Missverständnisse, Vorwürfe und Vorurteile auftürmen wie unüberwindlichen Hindernisse und möglicherweise in Feindschaft, Hass und Gewalt münden? Wie kann ein solcher Berg zwischen zwei verhärteten Positionen abgetragen werde? Dieser Berg, der zwischen uns steht, weil wir uns anschweigen, statt zu reden, weil wir uns nur selbst rechtfertigen und dem anderen kein Recht zugestehen, weil wir dem Gegenüber nicht wirklich zuhören, weil wir den Ärger und die Wut in uns hineinfressen und die eigene Verletztheit nicht zeigen und aussprechen können. Wie kann ein solcher Berg überwunden werden? Welche Schritt sind nötig, damit dieser Kreislauf unterbrochen werden kann?

 

  1. Den Schmerz des anderen hören
    - den Schmerz des anderen wahrnehmen wollen
    - sich Zeit nehmen, wirklich zuzuhören, zu versthen und  
       mitzuempfinden 
    - ihn bis zum Herzen kommen lassen
    - sich im Innern vom Schmerz des anderen berühren lassen
  2. Den eigenen Schmerz ausdrücken
    - den eigenen Schmerz ausdrücken, nicht über ihn hinweg
       gehen
    - die eigene Verlezung, den Ärger, die Wut wahrnehmen,
       davon erzählen ohne Vorwürfe und Vorurteile
    - nicht aus Rücksicht oder Höflichkeit die Wahrheit
       verschweigen
    - meine Empfindungen aussprechen, wie ich sie erlebe
  3. Den Platz zwischen den Stühlen einnehmen
    - sich zwischen die Stühle setzen
    - den eigenen Platz verlassen in Richtung des anderen
    - um Vergebung bitten, auch stellvertretend
    - in die Bresche springen für die, die zur Anerkennung der
       eigenen Schuld und zur Versöhnung noch nicht in der
       Lage sind
    - Verantwortung übernehmen für die eigene Volksrppe, die
       Geschichte, in die ich verstrickt bin
    - vor dem anderen in die Knie gehen 

Die Schritte eins und zwei sind austauschbar! – Einer muss den ersten Schritt tun! – Das ist möglich, weil Gott uns annimmt und unsere Schuld vergibt. – Wenn der andere den Schritt nicht gehen kann, für ihn und für mich beten, dass Christus den Hass wegnimmt und Liebe füreinander schenkt.“

 

Europäisch-afrikanischer Dialog

 

Die Zusammenarbeit der Unterzeichner und der Arbeitsgruppe in Detmold hat einen europäisch-afrikanischen Dialog ermöglicht. Das „Detmolder Bekenntnis“ – ein Modell der Konfliktbewältigung sowohl für Europa wie für Afrika – ist auf der Basis des Glaubens an Jesus Christus entstanden und nur so zu verstehen und nachzuvollziehen. Die Schritte, die das Entstehen des Bekenntnisses beschreiben, setzen neutrale Räume voraus, in denen ein Dialog möglich ist und die Kultur des Schweigens aufgebrochen wird. Bevor neue Harmonie wachsen kann, ist es notwendig, sich der Wahrheit zu stellen und die Opfer zu Wort kommen zu lassen. Dieser Prozess wirkt sehr heilsam, braucht aber Zeit und ist schmerzhaft.

  

Bekenntnis von Detmold

Wir, Christen verschiedener Kirchen aus Rwanda und anderen Ländern, sind auf Einladung von Dr. Fulgence Rubayiza und unter Mithilfe der ökumenischen Gemeinschaft von Hidessen zusammen gekommen und haben uns vom 7. - 12. 12. 1996 in Detmold, Deutschland, versammelt. Wir haben miteinander gebetet und nachgedacht über unser Engagement für den Aufbau einen harmonischen Rwanda, wo es sich für alle Menschen gut leben lässt. Nach Diskussion, Austausch und Gebet erklären wir folgendes:

I.     Das rwandische Volk wird sich nicht versöhnen können, wenn nicht jede Volksgruppe bereit ist, vor dem Leiden der anderen niederzuknien, ihr jeweils eigenes Verbrechen vor der anderen zu bekennen und ihre Opfer um Vergebung zu bitten.

II.    Deshalb:

1.    Wir, in Detmold versammelte Christen der Gruppe der Hutu erkennen an, dass unsere Angehörigen die Tutsi auf vielfältige Weise seit 1959 unterdrückt haben. Wir bekennen das Verbrechen des Völkermordes, das vonr der Gruppe er Hutu an der Gruppe der Tutsi zu verschiedenen Zeiten der Geschichte Rwandas und vor allem im Jahre 1994 begangen wurde.
Wir schämen uns der Schrecken und Grausamkeiten, die die Hutu den Tutsi zugefügt haben: Menschen wurden gefoltert; Frauen wurden vergewaltigt; Schwangeren wurden die Bäuche aufgeschlitzt; menschliche Körper wurden in Stücke geschnitten; Menschen wurden lebendig begraben; andere wurden mit Hunden gejagt wie auf der Treibjagd; es wurde in Kirchen und Gottesdiensten gemordet, die früher als Orte des Asyls anerkannt waren; es fanden Massaker an alten Menschen statt, an Kindern und Kranken in Krankenhäusern; Menschen wurden gezwungen, ihre Verwandten umzubringen; andere wurden lebendig verbrannt Begräbnisse wurden verweigert - es wären noch tausend andere zynische Methoden zu nennen, mittels derer Menschen entwürdigt und in Hohn und Spott zu Tode gebracht wurden.

Wir tragen das furchtbare Gewicht dieses unbeschreiblichen Verbrechens auf unseren Schultern, und wir sind bereit, dafür ohne Groll die Konsequenzen zu tragen. Wir flehen unsere Hut-Brüder und -Schwestern an, diese furchtbare Vergangenheit nicht zu vergessen, wenn sie die gegenwärtigen Verhältnisse in Rwanda beurteilen. Demütig bitten wir Gott und unsere Tutsi-Büder und -Schwestern um Vergebung für all das Böse, was wir ihnen zugefügt haben. Wir verpflichten uns, alles zu tun, was in unserer Macht steht, um ihnen ihre Ehre und Würde zurück zu geben und selber vor ihren Augen unsere verloren gegangene Menschlichkeit wiederzufinden.

2.    Wir, in Detmold versammelte Christen aus der Gruppe der Tutsi, sind glücklich und fühlen uns erleichtert durch die Bitte unserer Hutu-Geschwister um Vergebung.
Wir bitten unsererseits Gott und die Hutu um Vergebung für die blinde Unterdrückung und Rache, die jenseits jeder legitimen Verteidigung von unseren Angehörigen gegenüber der Hutubevölkerung geübt wurde.

"Inkoni ikubise mukeba uyirenza urugo"

(Die Legitimierung des Bösen unter dem Vorwand, es treffe den Gegner, wendet sich schließlich gegen den, der es legitimiert.

Auch wir bitten Gott und unsere Hutu-Geschwister um Vergebung für eine gewisse arrogante und verächtliche Haltung, die wir ihnen gegenüber im Laufe unserer Geschichte im Namen eines lächerlichen Komplexes ethnischer Überlegenheit eingenommen haben.

3.    Wir, in Detmol versammelten Christen aus der westlichen Welt, sind dankbar für die Freundschaft, für das Vertrauen und für die Einladung, die unsere rwandischen Brüder und Schwestern an uns ausgesprochen haben, damit wir ihr gebet, ihre Überlegungen, das Hören auf ihre Leiden und ihre Hoffnung teilen können. Wir bekennen, dass wir seit Ankunft der ersten Europäer in Rwanda nachhaltig dazu beigetragen haben, die Spaltungen in der rwandischen Bevölkerung zu vertiefen.

Wir bedauern, dass wir in einem unberechtigten Gefühl von Überlegenheit und Sicherheit Menschen diskriminiert haben. Wir haben verallgemeinert und die einen für gut und die anderen für schlecht gehalten.

Wir bedauern, dass unsere Länder durch Waffenlieferungen an alle Kriegsparteien die Gewalt gefördert haben. Wir bedauern, dass wir bezüglich der Flüchtlinge in den Jahren der Unabhängigkeit geschwiegen und sie im Stich gelassen haben. Wir bedauern, dass wir bezüglich des Völkermordes und der Massaker des Jahres 1994 geschwiegen und das rwandische Volk im Stich gelassen haben. Wir bedauern, dass wir es an der Bereitschaft haben fehlen lassen, zuzuhören und die Leiden unserer rwandischen Freunde zu teilen.

Für all das Böse bitten wir Gott und unsere rwandischen Schwestern und Brüder, die wir nicht als solche respektiert haben, aufrichtig um Vergebung. Wir wollen uns verpflichten, uns in der Nachfolge Jesu auf den Weg des Zuhörens, des Respektes und der Solidarität zu machen.

III.    Wir rufen alle Gruppen der rwandischen Gesellschaft sowie ihre Freundinnen und Freunde aus der Internationalen Gemeinschaft auf, sich ebenfalls durch das Elend der einen und der anderen betreffen zu lassen. Wir ermahnen sie zur Zusammenarbeit, um all diejenigen zu unterstützen und zu rehabilitieren, die durch die rwandische Tragödie verletzt wurden: die Witwen, die Waisen, die Gefangenen, die alten und neuen Flüchtlinge, die Obdachlosen, und die, denen nie wirklich geholfen wurde, die vielmehr ihrem Schicksal überlassen blieben: die Batwa. Möge jeder in Rwanda Anerkennung und Respekt finden, einen Raum, Wurzeln zu schlagen inmitten von Brüdern, Schwestern und Freunden.

IV.    Wir danken dem Vater, der uns seinen Geist gegeben hat, um unsere steinernen Herzen aufzubrechen und uns von Misstrauen und Angst zu befreien, die uns voneinander trennten. Er hat uns von Neuem zu Brüdern und Schwestern gemacht, die sich gemeinsam verpflichtet wissen auf dem Weg Seines Sohnes, der starb und auferstand, um die Menschen mit Gott und untereinander zu versöhnen.



Kontaktadresse: Brigitte Grosche,
                         Römerweg 22, D-32760 Detmold

e-mail: brigitte.grosche@t-online.de


 

 

 

 

 

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